Sonntag, 05. April 2020
Einer der ersten warmen und sonnigen Tage in diesem Jahr. Ausflug mit Luise per Fahrrad an die Ostsee, viel Platz am Strand, ich genieße den Abstand zu den anderen Leuten. Mehr Blickkontakte als sonst, einige freundlicher, andere verspannter als sonst.
Auf dem Rückweg an der Straße entlang. Meine schon länger wachsende Aggression gegen die Autokultur kommt hoch. Ich empfinde den Auto-Individualverkehr (gerade in seiner aktuellen Spätphase, fast schon Dekadenzphase) als eine notdürftig durch sogenannte Verkehrsregeln zivilisierte Gewaltkultur des Kampfes „Jeder-gegen Jeden“. Tonnenschwere übermotorisierte schwarze Metallgehäuse mit abgedunkelten Scheiben und 5-sitzigen Polstergarnituren im klimatisierten Inneren, besetzt mit einer, manchmal zwei, ganz selten drei oder mehr Personen, die auf asphaltierten Pisten mit hoher Geschwindigkeit dahinbrettern. Ich stelle mir vor wie sich die Leute darin fühlen: geschützt, sicher, auf jeden Fall im Recht gegenüber allen anderen. Und in diesen riskanten Zeiten nochmal bestätigt in ihrer Einstellung.
Zu Hause beim Kochen ein Interview mit Heinz Bude im DLF Kultur. Er ist Mitglied in einem Corona-Beratergremium der Bundesregierung. Erstmal bin ich positiv überrascht allein über die Tatsache der Existenz eines solchen Gremiums. Und dann Budes durchaus positive Perspektive auf die Krise und die möglichen Folgen. Er sieht die (Welt-?) Gesellschaft am Ende einer Epoche, am Ende des mindestens 30-jährigen Alptraums des Neoliberalismus. Am Anfang eines Zeitalters mit wieder mehr Solidarität, letztere nicht im Sinne eines gemeinsamen Kampfes gegen einen gesellschaftlichen Feind (wie im Klassenkampf), sondern im Sinne der Einsicht, dass großen Problemen wie der Pandemie nur gemeinsam begegnet werden kann. Er sieht (in Deutschland) ein wieder wachsendes Vertrauen in den Staat, ein Umdenken in Bezug auf die Aufgaben des demokratischen Staates, eventuell ein Neudenken des Sozialstaates. Auf jeden Fall ein Ende des extremen Individualismus des Ich-Unternehmertums.
Ich würde so gerne daran glauben. Vielleicht ist es schon zu spät.
Habe mir gestern aufgrund einer lesenswerten Rezension von Thomas Assheuer (den ich sonst ein wenig zu naiv-alteuropäisch-habermasianisch finde) in der ZEIT das Buch Alles unter dem Himmel des chinesischen Staatsphilosophen Zhao Tingyang bestellt (ich gestehe: bei Amazon). Er rechnet mit den vermeintlich alternativlosen Werten des „Westens“ ab: Individualismus,  parlamentarische Demokratie, universalistische Globalisierung, etc. Aus der Rezension:
„Für die Zukunft sieht Zhao Tingyang drei Möglichkeiten. Die erste, keineswegs unwahrscheinlich, sei der Weltuntergang, also der Selbstmord der Moderne. Die zweite Möglichkeit sei eine Hegemonie globaler Netzwerke, die die Nationalstaaten entmachten und mit einer Mischung aus Biologie und Hochtechnologie womöglich einen neuen Menschentyp züchten. Zhao Tingyang setzt auf eine dritte Möglichkeit, die sein Herz mehr erwärmt, als seiner Urteilskraft vielleicht guttut: Er setzt auf eine politische Kosmologie, auf jene Tianxia (sprich: Tiänchia), die einst die Zhou-Dynastie (1046 bis 256 vor Christus) getragen hat und übersetzt ´alles unter einem Himmel´ bedeutet. Es ist der Name eines Ordnungsprinzips, das nicht auf Unterwerfung beruht, sondern auf Freiwilligkeit; nicht auf dem Individuum, sondern auf der Gemeinschaft. In der Tianxia muss jede Veränderung allen zugutekommen, niemand darf verlieren. Dreh- und Angelpunkt ist die ´Nutzlosigkeit der Konkurrenz´, und alle Völker sind eingeladen, sich dieser freundlichen Ordnung anzuschließen.“Tappe ich jetzt in die Falle der Populisten, die das Ende des Parlamentarismus aufziehen sehen und Morgenluft für den völkischen Umsturz wittern? Keine Ahnung. Nein, ich denke nicht.
Jenny Holzer, 1984.
Montag, 06. April 2020
Montagmorgen, wieder wunderbares Wetter, ich mache einen langen Spaziergang durch die Stadt und an der Förde / Kiellinie entlang zurück. Heute früh habe ich gelesen, dass Boris Johnson in die Klinik eingeliefert wurde und zeitweise beatmet wird und dass in New York eine Tigerin im Zoo von einem Pfleger infiziert wurde. Ich bedaure die Tigerin mehr als Boris Johnson.
Ich muss aufpassen, dass meine Misanthropie nicht mit mir durchgeht.
Es kommen natürlich sofort Gedanken wie etwa der, dass „die Natur“ sich an den Menschen für deren Untaten rächt. Was ebensolcher bullshit ist wie die religiöse Interpretation, dass die Virus-Krise die Strafe Gottes für die Sünden der Menschheit sei. Niemand rächt sich, niemand straft, aber „wir“, die menschlichen Gesellschaften und Individuen, haben seit Jahrhunderten Mist gebaut. Unsere meist irgendwie (politisch, ökonomisch, sogar sozial oder menschlich) „gut“ gemeinten (Design-) Interventionen in soziale, kulturelle und natürliche Systeme bringen immer gravierendere unbeabsichtigte Nebenwirkungen hervor, welche dann mit immer massiveren neuen Interventionen möglicherweise kompensiert werden müssen. Die Fragilität des Ganzen, bzw. die Unwahrscheinlichkeit der von uns produzierten artifiziellen „Ordnung“ zeigt sich gerade drastisch. Im Griff haben wir die Lage jedenfalls nicht, selbst wenn wir sie ganz anthropozentrisch Anthropozän nennen.
Und das Design bzw. seine organisierten professionellen und akademischen Institutionen springt fast im Pawlowschen Reflex, wie immer, auf jede Krisensymptomatik an und bietet sich als Problemlöser, zumindest als aufgeklärte und jedenfalls über den Einzelexpertisen stehende Reflexionsinstanz, an. Die dgtf etwa behandelte im letzten Jahr das Hype-Thema (Rechts-) Populismus und nimmt sich in diesem Jahr selbstverständlich der Krise an. (Lucas Kusters Aktion hier ist natürlich auch so interpretierbar, aber vielleicht erweist sich seine Attitude doch als etwas weniger borniert und selbstverliebt). Der Serressche Parasit (1) lässt grüßen: Design als die Institution, die an jeder unbesetzten konfliktträchtigen Schnittstelle versucht zu schmarotzen, zu profitieren, zumindest ihren Senf dazu zu geben.
Zu Hause in einer Mail von den Maintainers der Hinweis auf einen wunderbar klaren verzweifelt-optimistischen WIRED-Artikel von Laurie Penny vom 30. März 2020:
„This Is Not the Apocalypse You Were Looking For. Pop culture has been inundated with catastrophe porn for decades.
None of it has prepared us for our new reality.“
Der letzte Absatz lautet:
„My job will be the same as yours and everyone else’s: to be kind, to stay calm, and to take care of whoever happens to need taking care of in my immediate vicinity. We have been living for many, many years in what Gramsci called a time of monsters, where “the old is dying and the new cannot be born.” The new is now being induced in a hurry, because after this, nothing is going back to normal. It’s the end of the world as we know it, and everything does feel fine—not fine like chill, but fine like china, like glass, like thread. Everything feels so fine, and so fragile, and so shockingly worth saving.“
Dienstag, 07. April 2020
Heute eine Radtour, fast 3 Stunden, alleine, zum Nord-Ostsee-Kanal, mit der Fähre auf die andere Seite, am Kanal entlang, dann über die Holtenauer Hochbrücke zurück. Meine zweite Frau Karin, die schon vor ein paar Jahren gestorben ist, hat heute Geburtstag. Nicht nur daran merke ich, dass ich alt werde bzw. bin, sondern vielleicht auch an dem Wort, das mir auf der Tour immer wieder in den Sinn kommt: „Klammheimliche Freude“. Ein starkes Unwort aus den 1970er Jahren, das sich auf den RAF-Mord 1977 am Generalbundesanwalt Siegfried Buback bezog. Man (ich) hatte als Linker damals sicher eine gewisse Sympathie zumindest für die Ziele der RAF; die Freude über Morde hielt sich allerdings in Grenzen. Heute bekenne ich meine klammheimliche Freude über den drastischen Absturz der Automobilindustrie, über das tiefe Tal der Luftfahrtbranche, über den Einbruch des Massentourismus, etc. Erste Vorboten einer entschleunigten Postwachstumsökonomie? Das wäre zu schön. Und ich bekenne eine gewisse klammheimliche Schadenfreude, wenn ich höre, dass der böse Clown Boris nun auf der Intensivstation liegt (was ist mit der Tigerin?).
Und ich gebe zu: da sind jede Menge kognitive Dissonanzen: Ich bin ein wenig erleichtert, wenn ich sehe, dass der DAX sich erholt, weil ich Angst vor chaotischen Zuständen als Folge von schlimmen Wirtschaftskrisen habe. Ich ärgere mich, dass ich meine schönen, ökologisch halbwegs korrekten symrise Aktien verkauft habe, die jetzt schon wieder fast so wertvoll sind wie vor der Krise, weil ich Angst vor Verarmung habe.
Und ich freue mich trotzdem sehr, dass Kapitalismuskritik wieder salonfähig wird, weil mich das neoliberale Regime in den allermeisten seiner Ausprägungen einfach nur nervt, zuweilen anwidert. Gestern gab es (Tagesthemen, heute-journal?) ein Interview mit einer protestantischen Pfarrerin einer New Yorker Gemeinde, die sich für Corona-Opfer engagiert. Sie hat zweimal das böse Wort Kapitalismus in den Mund genommen und ihn als eine der Ursachen für die Corona-Krise und für die verheerenden Folgen, gerade für ärmere Leute, benannt.
Ja, ich stehe zu meinen kognitiven Dissonanzen, meiner Bigotterie, Doppelmoral,
Scheinheiligkeit ... ich bin verwirrt. Vielleicht muss ich mich von den konsistenten Entwürfen einer besseren Welt verabschieden und wieder zurückkehren zu meiner äußerst fragilen Rortyschen Minimalethik (2):
„Während der Metaphysiker die Beziehung seiner Mitmenschen zu einer höheren Macht, die alle anerkennen - Rationalität, Gott, Wahrheit oder Geschichte -, für das moralisch relevante Charakteristikum hält, nimmt die Ironikerin an, daß die moralisch relevante Definition einer Person, eines moralischen Subjekts, heiße: ´etwas, das gedemütigt werden kann´.“
Und wahrscheinlich komme ich mit meiner unklaren Haltung über die bedauernswerte Position des Rortyschen Ironikers nicht hinaus:
„Leute dieser Art nenne ich "Ironikerinnen", weil ihre Erkenntnis, daß alles je nach Neubeschreibung gut oder böse aussehen kann, und ihr Verzicht auf den Versuch, Entscheidungskriterien zwischen abschließenden Vokabularen zu formulieren, sie in die Position bringt, die Sartre 'metastabil' nennt: nie ganz dazu in der Lage, sich selbst ernst zu nehmen, weil immer dessen gewahr, daß die Begriffe, in denen sie sich selbst beschreiben, Veränderungen unterliegen; immer im Bewußtsein der Kontingenz und Hinfälligkeit ihrer abschließenden Vokabulare, also auch ihres eigenen Selbst. ... Das Gegenteil von Ironie ist gesunder Menschenverstand. ...“
Nicht einmal zum „gesunden Menschenverstand“ reicht es …

Ein paar Lehren, die man aus der Krise ziehen könnte:

- Das Erkennen der Unwahrscheinlichkeit der Systeme und der Fragilität der Welt.
- Eine Fokusverschiebung vom Fetisch innovation & growth hin zu maintenance & care.
- Das Ende des „Konsumklimas“ als Indikator für das Wohlbefinden einer Gesellschaft.
- Die Diskreditierung des Konzepts / des Interaktionmusters des dealmaking.
- …
Mir ist natürlich bewusst, dass all dies an den Grundfesten des Kapitalismus kratzt…

Quellen
1) Michel Serres, Der Parasit. Suhrkamp (stw 677), Frankfurt / M. 1987. Original: Le parasite, Editions Grasset et Fasquelle, Paris 1980.
2) Richard Rorty, Kontingenz, Ironie und Solidarität. Suhrkamp (stw 981), Frankfurt / M. 1992. Original: Contingency, irony, and solidarity, Cambridge University Press 1989.

weitere Einreichungen

Back to Top